Mittelmeer-Krise bringt früheren vietnamesisch-Bootsflüchtling dazu ihr langes Schweigen zu brechen

Pastebin: Übersetzung

Originalartikel auf der UNHRC-Homepage

Kopenhagen, Dänemark, 6.Juli (UNHCR)

Erschütternde Bilder des Flüchtlingsdrama im Mittelmeer haben „bittersüße“ Erinnerungen für Anh Lê zurückgebracht, eine von Dänemarks bekanntesten vietnamesischen Gastronomin, die selber den Ozean überquerte um dahinzukommen, wo sie heute ist.

Als sie 5 Jahre alt war, war sie gezwungen mit ihrer Familie auf einem Boot aus dem Vietnam zu fliehen. Sie hat Piraten, Stürme, Ablehnung und immer präsente Angst vor Gewalt überlebt, sie hat Erfolg und Freude in dem Land gefunden, dass sie adoptiert hat.

Nun nach Jahren des Schweigen über ihre Tortur, und angetrieben von den entsetzlichen Vorgängen im Mittelmeer, fühlt sie sich aufgefordert sich äußern.

„Ich habe für viele, viele Jahre nie wirklich über dies geredet, und meine Eltern auch nicht. Es war zu schrecklich. Aber irgendwie hat diese Krise im Mittelmeer… Du wirst betroffen. Ich denke ich verstecke eine Menge Dinge, da sind viel Dinge über die ich nie hinweg gekommen bin, aber ich war eine von denen, die mehr Glück hatten“, erklärt sie.

Heute erscheint die Köching und Kochbuchautorin regelmäßig im Fernsehen um in ihrer Show „Spis Vietnam“ moderne vietnamesische Rezepte mit dem dänischen Publikum zu teilen. Ihre Geschichte ist eine Geschichte von Hoffnung und Triumph. Aber sie hat nie ihre Vergangenheit vergessen.

„Die Nachrichten und die Fotos von en Menschen in den überfüllten, kleinen Booten, Menschen, die verzweifelt von den untergegangen Schiffen in Richtung Küste schwimmen um zu überleben, die Bilder von Körpern – besonders den Körpern von Kindern, die im Meer treiben haben, meine Erinnerungen geweckt. Es hat mich traurig gemacht und hat mich gezwungen zu reden,“ sagte sie UNHCR letztens in einem Interview.

Anh hofft, dass sie durch das Erzählen den Fokus von den negativen Darstellungen der Asylsuchenden hin zu einer Erzählung von Asylsuchenden und Flüchtlingen als mehr zur Gesellschaft Beitragende und nicht als Bürden, verändern kann.

„Ich war naiv und dachte, dass die Welt etwas vom Vietnam Krieg (und den vielen anderen Kriegen) und den Bootsflüchtlingen etwas gelernt hat… Aber es ist deutlich, dass wir über diese Sachen reden müssen. Wir müssen die Menschen wissen lassen, dass es morgen sie sein könnten. Es gibt keine perfekte Lösung, jeder hat Angst davor etwas zu verlieren, wenn er sich öffnet… aber wir müssen eine Lösung finden,“ fügte sie hinzu.

Ihr eigenes, intimes Wissen, darüber was es heißt aus der Heimat zu fliehen und zu einem Flüchtling zu werden, veranlasst sie voller Elan die Darstellungen der Medien, dass die Menschen „shoppen“ fahren für den besten Platz um Asyl zu beantragen, zu widersprechen.

„Ich denke, dass diese Menschen zu dieser Zeit nicht denken: „Welches Land sollen ich wählen? Wo kann ich am meisten Geld bekommen?“ Sie denken „Ich möchte, dass meine Kinder an einem sicheren Platz sind,“ erklärte sie.

Anh’s eigene Flucht begann, da ihr Vater in der, mit den USA verbündeten, Marine der Südvietnamesischen Armee gedient hatte. Nachdem der Krieg 1975 endete wurde er in ein Lager deportiert.

Zufälligerweise traf er einen chinesischen Geschäftsmann, der ein Schiff gebaut hatte und ihrem Vater, aufgrund seiner Erfahrung in der Marine, einen Platz an Bord des Schiffs im Austausch es zu segeln anbot. Anh und ihre drei Brüder, die zu der Zeit zwischen sechs Jahren und neun Monate waren, fuhren mit ihm. „Wenn Menschen fragten: ‚Warum nimmst du deine Familie mit dir?‘ sagte mein Vater: ‚Wenn ich sie hierlasse, sterben sie. Wenn ich sie mitnehme, sterben sie mit mir.‘,“ sagt Anh.

Ihr Vater glaubte, dass das Risiko es war seinen Kindern ein besseres sicheres Leben geben zu können. Auf dem Boot waren über 1000 Menschen.

In einer Situation, die unheimlich gleich zu der heutigen in Südasien ist, wurde Anh’s Boot von Hong Kong, Malaysia und Indonesien abgelehnt. Nach 14 Tagen, an denen sie von Ort zu Ort gesegelt sind, war das Wasser und das Essen ausgegangen – die Situation wurde immer aussichtsloser.

„Die Menschen gingen auf die Toilette des Schiffs, sie waren müde und es waren viel zu viele Menschen. Man konnte weder gehen noch atmen.“ Mit der Hilfe von anderen an Bord schaffte es Anh’s Vater das Schiff vor Piraten zu verteidigen, doch Zeit lief ihnen davon.

Schließlich traf ihr Vater die Entscheidung das Schiff absichtlich vor der Küste Indonesiens zu versinken, damit man es nicht wieder auf das offene Meer schleppen konnte. Die meisten Menschen an Bord konnten nicht schwimmen, so verbrachten die, die es konnten, den ganzen Tag damit zwischen Boot und Strand hin und her zu schwimmen um den anderen Passagieren in Sicherheit zu helfen.

Anh, ihre Familie und die anderen Überlebenden wurde in ein indonesisches Flüchtlingslager gebracht. Sie verbrachten drei Monate damit auf dem Boden in einem Zelt, das sie sich mit vier anderen Familien teilten, zu schlafen. Da sie kein Geld hatten überlebte die Familie mit Fischen, die ihr Vater in der Nacht fang. Überall waren Moskitos und es regnete fast die ganze Zeit.

1979 kamen die Nachrichten, dass die Familie nach Dänemark umgesiedelt wurde. „Sie sendeten und auf einen SAS Flug nach Kopenhagen,“ sagte Anh mit einem Lächeln. „Es war wie im Himmel. Die Flugbegleiterinnen kamen gefühlt jede fünf Minuten und fragten: ‚Was möchtest du essen oder trinken?‘ Es war die allerschönste Erfahrung.“

Nach einem kurzen Zwischenhalt in Kopenhagen wurde die Familie nach Aalborg, in den Norden Dänemarks gesandt, wo sie sich ein neues Leben aufbaute und sich schnell in die dänische Gesellschaft integrierte.

Nach der Schule lebte Anh in den USA, Vietnam und Frankreuch bevor sie 2003 nach Dänemark zurückkehrte. „Ich hatte schon entschieden mit meinen Brüdern ein Restaurant in Kopenhagen zu öffnen. Das war der Anfang, und es war seitdem harte Arbeit, und viel Spass, und viele Verrücktheiten passierten,“ lachte sie.

Sie spendet außerdem ihre Zeit und ihr Geld, dass sie mit ihrem Kochbuch verdient hat, um Kindern in Entwicklungsländern durch SOS Children zu helfen. Dann verschlimmerte sich die Mittelmeerkatastrophe 2015. Anh traf die schmerzliche Entscheidung das erstemal über ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen.

„Es ist sehr wichtig sich zu erinnern, dass wir das sein könnten,“ sagte sie. „Ja, es ist sehr gut, dass man sicher und behütet leben kann, aber man kann nie wissen wann das eigene Haus einzustürzen beginnt.“

Von Michelle van der Meer, Copenhagen, Denmark

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