Angela Merkel hat einen roten und einen gelben Knopf. Einer beendet die Krise. Welchen drückt sie?

Pastebin: Übersetzung

Englisches Original

06.07.2015-Yanis Varoufakis

Der globale Minotaurus des neoliberalen Kapitalismus im Zentrum der Wall Street hatte die Welt von 1971-2008 als Geisel gehalten. Nun versuchen ihn die europäischen Spitzenländer wieder aufzurichten.

Die Herrschaft des Bankrotts ist ebenso viel ein europäisches Dilemma, wie sie eine US- „Erfindung“ ist. Der Unterschied zwischen den Erfahrungen der beiden Kontinente ist, dass wenigstens die Amerikaner nicht unter den enormen Konstruktionsfehlern der Eurozone leiden müssen. Stellen sie sich den Ärger der Bürger der schwer getroffenen Staaten (z.B. Nevada oder Ohio) vor, wenn diese sich Sorgen machen müssten über die Todesumarmung zwischen den Schulden ihres Staates und den Verlusten der Banken, die innerhalb des Staates operieren.

Zusätzlich wurden den Amerikanern das Wetteifern mit einer Zentralbank erspart, die völlig gefesselt ist zwischen inneren Spaltungen und dem Faible der Deutschen Bundesbank die am schlimmsten getroffenen Länder der Union (der Eurozone) als Alienland zu behandeln, dass man finanzpolitisch waterboarden muss bis diese aufhören den Gesetzen der Makrökonomie zu folgen.

In den vergangen zwei Jahren konzentrierte sich die Debatte in Europa ausschließlich auf Fragen, die technologisch und unwichtig klingen: Wird „Konditionalität“ verbunden sein mit den Käufen von spanischen und italienischen Anleihen von der EZB? Wird die EZB alle Banken kontrollieren oder nur die „systemrelevanten“?

Dies sind die Fragen, die nicht von echtem Interesse sind für irgendjemanden, ausser denen mit einem morbiden Interesse an der Verbindung zwischen öffentlicher Finanzpolitik und Geldpolitik. Und doch werden sich diese Fragen (und die Art und Weise, wie sie beantwortet werden) vermutlich als ebenso wichtig für die Zukunft Europas erweisen, wie der Westfälische Frieden, der Vertrag von Versailles oder die Verträge von Rom. Denn dies sind die Fragen, die bestimmen werden ob Europa zusammenhält oder den teuflischen Zentrifugalkräften, die vom Crash 2008 von der Leine gelassen wurden, erliegt.

Trotzdem sind es nicht die Fragen, die es wert sind hier näher ausgeführt zu werden. Alles, was sie tun, ist, dass sie eine tragische, zugrunde liegende Wirklichkeit reflektieren, die in einfachen Begriffen ohne eine Verwendung von Fachsprachen beschrieben werden kann: Europa zerfällt, weil seine Architektur einfach nicht stark genug war um den Schockwellen, die vom globalen Minotaurus verursacht wurden, zu widerstehen: Das System des neoliberalen Kapitalismus, zentriert an der Wall Street, presst seinen Tribut aus der Welt seit 1971.

Es ist ganz offensichtlich, dass die Insolvenzen von Madrid und Rom nichts mit finanzieller Verschwendung zu tun hatten (man erinnere sich, dass Spanien eine niedrigere Verschuldung hatte als Deutschland 2008 und Italien hatte stets kleinere Haushaltsdefizite) und alles damit zu tun hat, wie sich die Makrökonomie der Eurozone signifikant die Nachfrage seiner Nettoexporte auf den Globalen Minotaurus stützt. Sobald letzterer 2008 stürzte und das private Geld von der Wall Street verschwand, warfen zwei Effekte Europa auf die Knie.

Der eine war die folgende Todesumarmungen zwischen bankrotten Banken und insolventen Staaten (beginnend mit Griechenland, weiter nach Irland, nach Portugal und weiter bis Italien und Spanien auseinandergerissen wurden). Der andere war das Scheinbild des Minotaurus und seiner Bestimmung an der Option zu hängen die Eurozone freiwillig verlassen zu können, dadurch wurde jeglichen und jeden vernünftigen Plan zur nachhaltigen Ausbesserung der Währungsunion geleugnet.

Die zu klärende Frage lautet nun so: Warum gibt es einen so starken Widerspruch, vor allem aus Deutschland, gegenüber jeder Idee, die die Euro-Krise beenden würde? Die Standard-Antwort ist, dass Deutschland nicht für die Schulden der Peripherie zahlen möchte und jeden bundesartigen Bewegungen entgegenstehen würde (z.B. Bankenunion oder Finanzunion) bis es überzeugt ist, dass seine Partner mit den – von Deutschland gesicherten – Finanzen verantwortlich umgeht. Während dies auch gut die Denkweise anderer Nordeuropäer beschreibt, ist es nebensächlich. Betrachten wir das folgende Gedankenexperiment, welches – so glaube ich – uns hilft das tiefere Motiv herauszuarbeiten.

Stellen sie sich diese Szene vor, wenn ein ängstlicher Finanzminister das Kanzlerbüro in Berlin tritt mit einem Bedienfeld auf der eine gelbe und eine rote Taste ist und ihr sagt, dass sie eine Taste zum Drücken wählen muss. So erklärt er wie welche Taste funktioniert.

Der rote Knopf:

Wenn du diesen drückst, Kanzlerin, wird die Eurokrise sofort enden, mit

  • einem allgemeinen Anstieg des Wirtschaftswachstums in ganz Europa,
  • einem plötzlichen Zusammenbruch der Schulden jedes Mitgliedstaates unter das Maastrichtlimit, keinerlei Schmerzen für die griechische Bevölkerung (oder der Italienischen, Portugisischen, etc.),
  • keinerlei Garantien für die Schulden der peripheren Staaten oder Banken, die von deutschen oder holländischen Steuerzahlen bereitgestellt wurden,
  • einem Fall des Zinssatz in der ganzen Eurozone unter 3%,
  • einer Verringerung des internen Ungleichgewichts in der Eurozone
  • und einem massenhaften Anstieg der Gesamtinvestitionen.

Der gelbe Knopf:

Wenn du diesen Knopf drückst, Kanzlerin, bleibt die Situation in der Eurozone mehr oder weniger so wie sie gerade ist für mindestens eine Dekade. Die Eurokrise blubbert weiter, wenn auch auf eine kontrollierte Art und Weise. Während die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs, was ein Disaster für Deutschland wäre, unwesentlich bleibt, die Chancen sind, dass wenn sie den gelben Knopf drücken, dass

die Eurozone nicht zerbrechen wird (mit einer kleinen Hilfe der EZB),

dass die deutschen Zinssätze extrem niedrig bleiben,

dass der Eurokurs extrem gedrückt wird (was aus der Sicht der deutschen Exporteure sehr schön ist),

dass die Peripherie sich himmelhoch ausbreiten wird, aber nicht explodieren wird,

dass Italien und Spanien sich tiefer in eine Schuldendeflationsspirale begeben wird, wodurch deren nationales Einkommen um 15% in den nächsten 3 Jahren schrumpfen wird,

dass Frankreich langsam, aber sicher, in eine quasi-Insolvenz rutschen wird,

dass BIP pro Kopf in den Spitzenländern langsam steigen wird und in der Peripherie steil fallen wird,

Wie bei den ersten „gefallenen“ Nationen (Griechenland, Irland und Portugal), werden die Peripherieländer kleine „Lettlands“ werden oder sogar Kosovos:

verwüstete Länder (nach dem Verlust von zwischen 25% und 40% des Nationaleinkommens und einem massiven Exodus von gebildeten Arbeitern) in denen unsere Menschen Urlaub machen und günstige Immobilien kaufen können. Zusammengefasst, wenn sie den gelben Knopf drücken, Kanzlerin, die Eurozonen-Arbeitslosenquote wird über dem Niveau der USA und des UK bleiben, Investitionen werden anämisch sein, das Wirtschaftswachstum negativ und die Armut steigt und steigt.

Welchen Knopf denken sie wird die Kanzlerin drücken, mein lieber Leser?

Während die gelbe Knopf keinerlei Anziehungskraft auf den amerikanischen Präsidenten oder den britischen Premierminister ausübt ist der gelbe Knopf eine sehr viel mächtigere Option für die deutsche Kanzlerin. Sogar wenn die Kanzlerin sich für den roten Knopf entscheiden wollte, würde sie von der Reaktion der deutschen Wählern terrorisiert werden, wenn sie dies tut. Die Befreiung der Griechen und der Italiener, der Spanier und der Portugiesen von der „Großen Depression“ wird sehr unwahrscheinlich östlich vom Rhein und nördlich der Alpen Stimmen gewinnen .

Seit zwei Jahren wird die deutsche Bevölkerung davon überzeugt, dass Deutschland dem Schlimmsten der Krise entflohen ist, aufgrund der tugendhaften Verbindung von Sparsamkeit und harter Arbeit des deutschen Volkes; im Gegensatz dazu haben die verschwenderischen Südländer, die wie unbeständige Heuschrecken sind, keine Vorkehrungen getroffen gegen den Moment in dem der Wind der Wirtschaft kalt und scheußlich wurde.

Diese Denkweise geht Hand in Hand mit der moralischen Rechtschaffenheit, die in das Herz und Gehirn guter Menschen eine Vorliebe für eine genaue Strafe für die Grashüpfer einpflanzt – sogar wenn eine Bestrafung derer auch die Bestrafung eines selbst ist (zu einem gewissen Maß). Es geht auch Hand in Hand mit einem radikalen Missverständnis von dem, was die Eurozone gesund und Deutschland einem Überschuss vor 2008 verschafft hat: Das ist, dass der Globale Minotaurus, dessen nachfrageerzeugende Eskapaden es Ländern, wie Deutschland und den Niederlanden erlaubte Nettoexporteure von Kapital und Konsumgütern in und ausserhalb der Eurozone zu bleiben (während gleichzeitiger Importierung von Gütern aus der USA über den Umweg über Peripherieländer).

Interessant ist, dass eines der größten Geheimnisse der post-2008 Periode ist, dass der Tod des Minotaurus die Gesamtnachfrage der Spitzenländer der Eurozone (Deutschland, Niederlanden, Österreich und Finnland) mehr beeinträchtige, als die der defizitären Mitgliedsstaaten (wie Italien, Spanien, Irland, Portugal und Griechenland). Während der plötzliche Abzug von Kapital von den defizitären Ländern ihnen die Zahlungsunfähigkeit brachte, sahen Länder wie Deutschland ihre „Grundlagen“ schmerzlicher bedroht von dem Crash 2008. Diese Tatsache, verbunden mit dem schrecklichen Druck auf die deutsche Löhne, erklärt die tieferen Gründe der Animositäten an Orten, wie Deutschland die so einfach sich wandelten in Zorn gegenüber den Griechen und anderen gruppierten Mittelmeeranwohnern – Gefühle, die dann erwidert wurden, wodurch das Rad der innereuropäischen Feindlichkeiten eine weitere Drehung machte, den Anstieg von Xenophobie begünstigte und sogar den Nationalsozialismus (in Ländern wie Griechenland ziemlich unglaublich) und das führte dann zu einer übermäßigen Bereitschaft lieber alle gelben, als einen roten Knopf zu drücken.

Zur Erinnerung: Die übermäßige Wiederbelebung des Minotaurus war essentiell für die Aufrechterhaltung des fehlerhaften Gebäude der Eurozone. Sobald er von der Bildfläche verschwand musste der gemeinsame, europäische Wirtschaftsraum entweder neu gestaltet werden oder es würde eine lange und schmerzhafte Zeit des Zerfalls geben. Die mangelnde Bereitschaft der Spitzenländer zu akzeptieren, dass in der post-Minotaurus-Welt manch andere Formen der Überschussverwertung nötig sind (und dass einige ihre eigene Überschüsse auch ein Teil des Recycling sein müssen) ist der Grund, warum Europa aussieht, wie spiegelverkehrte Alchemie, denn während ein Alchemist sich bemüht Blei in Gold zu verwandeln, begann Europas spiegelverkehrten Alchemisten mit Gold (ein Integrationsprojekt, dass der Stolz ihrer Eliten war), aber werden bald enden mit dem institutionellen Äquivalent von Blei.

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